Die Legende in der Forschung - Eine Untersuchung zur Gattung Legende am Beispiel des ‚Annoliedes’

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Details
Autor: Lucas Glombitza
Fach: Deutsch - Gattungen
Veranstaltung: Hauptseminar: Bibel und Legende in Kunst und Literatur des Mittelalters
Institution/Hochschule: Technische Universität Dresden (Sprach-, Litertur- und Kulturwissenschaften; Lehrstuhl für germanistische Mediävistik und Frühneuzeitforschung)
Jahr: 2006
Seiten: 33
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 44 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 205 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-83694-4
Zusammenfassung / Abstract
Die Arbeit befasst sich mit den Besonderheiten der literarischen Gattung der Legenden. Dabei wird die umfangreiche Forschungsliteratur zur Gattung ausgewertet. Dem traditionellen Legendenverständis wird der interdiszplinäre Ansatz des Germanisten Hans-Peter Ecker gegenübergestellt. Das dritte Kapitel unternimmt den Versuch, die gattungstheoretischen Überlegungen anhand des Annoliedes zu erproben. Der Gutachter lobt an der Arbeit insbesondere den "souveräne[n], genaue[n] und kritischen Umgang mit der umfangreich rezipierten Forschung" sowie, die Fähigkeit "zum klaren wissenschaftlichen Ausdruck".
Textauszug (computergeneriert)
TU Dresden, Institut für Germanistik
Lehrstuhl für germanistische Mediävistik und Frühneuzeitforschung
Hauptseminar: Bibel und Legende in Kunst und Literatur
WiSe 2005 / 2006
Die Legende in der Forschung -
Eine Untersuchung zur Gattung Legende am Beispiel des ‚Annoliedes’
von
Lucas Glombitza
Inhalt
Einleitung 1
1. Die Legende als Gattung 3
2. Ein Neuansatz? – Die Legende nach H. P. Ecker 12
a) Was ist eine „kulturanthropologische Annäherung“? – Zu Eckers methodischem Ansatz 12
b) Grenzen der Gattung 13
c) Der Aufbau der Arbeit 13
d) Die Strukturzüge der Legende 14
3. Das ‚Annolied’ im Spiegel der Gattungstheorie 20
a) Entstehung und Aufbau 20
b) Die legendarischen Aspekte des Annoliedes 23
Fazit 28
Literaturverzeichnis 29
Einleitung
‚Legende’ ist ein schillernder Begriff. In der umgangssprachlichen Verwendung werden Ereignisse und auch Personen als ‚Legenden’ bezeichnet, die in besondere Weise unser Bild der Vergangenheit prägen. Häufig trägt dieses Bild Züge einer positiven oder gar mythischen Verklärung. So trägt z. B. eine Fernsehserie, die das Leben berühmter Rockstars, Künstler, Sportler oder anderer ‚legendärer’ Persönlichkeiten portraitiert den Titel ‚Legenden’1.
Unter Legenden werden freilich auch noch heute Berichte über die christlichen Heiligen verstanden. Sie spielen immer noch eine Rolle im Glaubensvollzug vieler christlichen Gemeinschaften, wenn sich ihre Bedeutung auch nicht mit der vergleichen lässt, die sie im Mittelalter, ihrer hauptsächlichen Entstehungszeit, hatten. Darüber hinaus sind die mittelalterlichen Legenden freilich auch ein europäisches Kulturgut, dem es aus wissenschaftlicher Sicht Aufmerksamkeit zu schenken gilt. Als Legende wird im umgangssprachlichen Gebrauch heute aber auch häufig eine erlogene oder zumindest der Wahrheit arg entfremdete Schilderung eines Ereignisses bezeichnet. Diese negative Bedeutung geht auf die Zeit der Reformation und der Glaubenskämpfe zurück, in der die Heiligenverehrung und damit auch die Legenden zur Zielscheibe von Ablehnung und Spott wurden. Sinnfällig wird dieser Affekt in der pseudo-etymologischen Abwandlung des Wortes zu ‚Lügende’, die in der Zeit Martin Luthers geprägt wurde.
Dieser umgangssprachlich so schillernde Begriff soll der Literaturwissenschaft aber auch als Gattungsbegriff dienen. Die vorliegende Arbeit untersucht die Forschung zum literaturwissenschaftlichen Legendenbegriff. Im ersten Kapitel steht die traditionelle deutsche Legedenforschung im Mittelpunkt. Im Anschluss daran wird der interdisziplinäre Ansatz des Germanisten Hans-Peter ECKER untersucht, der eine neuartige Annäherung an die Gattung ‚Legende’ versucht.
Im dritten Kapitel der Arbeit steht dann mit dem Annolied ein mittelalterlicher Text im Mittelpunkt. Inwiefern kann dieser Text als eine Legende bezeichnet werden? Ziel ist allerdings nicht die umfassende Analyse des Annoliedes, was das Thema einer eigenen umfangreichen Arbeit wäre, sondern vielmehr die Überprüfung und Anwendung der Theorien der Legendenforschung und besonders des Ansatzes von Hans-Peter Ecker auf diesen mittelalterlichen Text. Zentrale Fragen der Arbeit sind demnach letztlich: Was zeichnet den Legendenbegriff aus und welche Rolle kann er für eine moderne Philologie spielen?
1. Die Legende als Gattung
Wenn die Legende als Gattung beschrieben werden soll, dann steht zunächst die Frage nach dem Gattungsbegriff im Raum. Die Gattungszugehörigkeit kann heute kaum mehr als eine wesenhafte Eigenschaft des jeweiligen Textes verstanden werden, die vom Betrachter lediglich entdeckt und freigelegt werden müsse. Eine solche Vorstellung folgt einer Gattungstheorie, wie sie von Johann Wolfgang von GOETHE aber auch noch von Emil STAIGER propagiert wurde, der die literarischen Gattungen auf anthropologische Grundmuster zurückführte.2 Ein moderner Gattungsbegriff ist dagegen lediglich als literaturwissenschaftlicher Hilfsbegriff zu verstehen. Er soll die Einordnung von Texten ermöglichen, aber nicht deren Wesen bestimmen. Der Gattungsbegriff rechtfertigt sich also „nicht durch seine wesenhafte Gültigkeit, sondern allein durch seine philologische Brauchbarkeit“.3 In diesem Sinne soll der Begriff der Gattung im Folgenden verstanden werden.
Es stellt sich also die Frage, inwieweit ist es philologisch brauchbar ist, eine Gattung ‚Legende’ anzunehmen? Welches Erkenntnisinteresse rechtfertigt es, eine Reihe von Texten zusammenfassen und sie als Legenden zu bezeichnen? Die deutsche Legendenforschung reicht bis in das späte 19. Jahrhundert zurück. Verschiedene Wissenschaften interessierten sich seither für die Gattung der Legenden. Neben der Literaturwissenschaft sind dies vor allem die Theologie, die vergleichende Religionswissenschaft, die Geschichtswissenschaft, die Soziologie, die Psychologie und die Ethnologie.4 Es wurden unterschiedliche Positionen darüber diskutiert, welche Texte zur Gattung der Legende zu zählen seien. Wenn in dieser Frage auch letztlich keine Klarheit besteht, so geht laut Hellmut ROSENFELD der Konsens doch so weit, dass unter einer Legende in erster Linie ein „dichterisch verklärtes Heiligenleben“ verstanden wer- den sollte.5 Ebenfalls ein weitgehender Konsens scheint zu sein, dass die Legende als Gattung von Texten verstanden wird, die nur in einer Gemeinschaft von Glaubenden voll erfasst wird, die um den „außerhalb der Welt und des Textes liegenden Sinnbezug“ wissen.6 Die Betonung liegt hierbei auch auf der Gemeinschaft, denn es handelt sich nicht um einen individuellen Glauben, sondern um den in einer Gemeinschaft konventionalisierten. Für die literaturwissenschaftliche Betrachtung der fraglichen Texte hat das Konsequenzen: Die Texte sind nicht aus sich selbst heraus zu verstehen und zu bewerten, da die Bedeutung in der Glaubensgemeinschaft über das literarische Werk hinausweist. Diese Tatsache muss zweifellos bei einer literarischen Interpretation bedacht werden.7 Da die Texte gewissermaßen dem Glaubensvollzug entspringen, muss sich eine literaturwissenschaftliche Untersuchung zunächst fragen, inwiefern es sich bei diesen Texten überhaupt um ‚Literatur im engeren Sinne’ handelt. Winfried WOESLER weist darauf hin, dass sich die (ursprünglichen) lateinischen Legenden, wie sie zum Beispiel in der Legenda aurea des JACOBUS DE VORAGINE versammelt sind, häufig als „unliterarische“ Texte verstehen, die sich weder durch einen Kunstanspruch noch durch eine Autorennennung auszeichnen.8 Wenn auch die fehlende Autorennennung kein hinreichendes Kriterium für eine solche Einschätzung ist, da die meisten mittelalterlichen Texte anonym überliefert sind, so scheint doch der grundsätzliche Hinweis richtig. Neben diesen vermeintlich ‚unliterarischen’ Texten stehen allerdings auch die deutschsprachigen Texte des hohen Mittelalters, die Legendenstoffe behandeln. Diese auch als Kunstlegende bezeichneten Texte sind häufig Versifikationen lateinischer Prosavorlagen. Auch in der höfischen Dichtung spielten Legendenstoffe immer wieder eine große Rolle. So zum Beispiel bei HARTMANN VON AUE (Armer Heinrich, Gregorius) oder bei WOLFRAM VON ESCHENBACH.9 Kann man nun auch bei diesen Texten von Legenden sprechen? Wie verhält es sich mit Begriffen wie Legendenroman, Legendendrama (- spiel) oder Legendenballade? Diese Fragen führen uns zum Thema der Beschreibbarkeit der Legende als Gattung zurück. Ist es bei diesen Begriffen nicht vielmehr so, dass das zweite Wort die jeweilige Gattung angibt, wobei das Wort ‚Legende’ lediglich eine stoffliche Bestimmung ist?10 Ist es vielleicht also gar nicht sinnvoll (bzw. philologisch fruchtbar) mit dem Begriff ‚Legende’ eine Textsorte beschreiben zu wollen? Es ist auffällig, dass die meisten Definitionen des Begriffs Legende einen Schwerpunkt auf die stofflich-inhaltliche Gemeinsamkeit der Texte legen. Oben wurden bereits die wichtigsten und konsensfähigsten Kriterien genannt. Wenn die Legende allerdings als Gattungsbegriff bestand haben soll, dann muss es neben den stofflichen auch formale Kriterien für die Zuordnung zu dieser Gattung geben. In dieser Hinsicht wird die Legende häufig als „naiver, unreflektierter Bericht“ beschrieben, da sie unmittelbar aus dem Glauben entspringe.11
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1 Die Sendung ‚Legenden’ wird von der ARD produziert.
2 Zu Goethes Gattungsbegriff vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Dichtarten. Naturformen der Dichtung. In: Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des West-östlichen Diwan. Werke. Bd 2. Hamburger Ausgabe, München 1981, S. 187-189. Zum Gattungsverständnis Emil Staigers vgl. Grundzüge der Literaturwissenschaft. Hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold und Heinrich Detering, München 42001, S. 331.
3 Siegfried Ringler: Zur Gattung Legende. Versuch einer Strukturbestimmung der christlichen Heiligenlegende des Mittelalters. In: Würzburger Prosastudien II. Untersuchungen zur Literatur und Sprache des Mittelalters. Kurt Ruth zum 60. Geburtstag. Hg. v. Peter Kesting, München 1975, S. 256.
4 Hellmut Rosenfeld: Legende, Stuttgart 41982, S. 3.
5 Ebd., S. 15.
6 Winfried Woesler: Die Legende. In: Formen der Literatur in Einzeldarstellungen. Hg. v. Otto Knörrich, Stuttgart 1981, S. 236.
7 Ringler, S. 257.
8 Woesler, S. 237.
9 Ebd. S. 241.
10 Rosenfeld, S. 4.
11 Ebd., S. 10. Vgl. auch Ringler, S. 265.
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